„Das ist soooo so kuschelig!“ seufzte Koksi und schob seine kleine Schnauze tiefer ins weiche Gewebe. Vera neben ihm rollte sich über den Rücken, hin und her und zurück. „So geht Faszien.“
„Was macht ihr da? Seid ihr bescheuert?“ fragte Bruno unbekümmert und legte seinen letzten Rest Kammzug beiseite.
„Fühlen, nicht erklären, Bruno“, nuschelte Koksi durch die flauschige Wolle. Bruno tippte sich an die Stirn: „Vera was meint der Kleine?“ Vera blinzelte ihn kurz an. „Hinlegen und Klappe halten, vermute ich“, antwortete sie und rollte noch einmal die Muskeln der rechten Seite durch.

„Hinlegenhinlegen – als wenn ich dazu Zeit hätte!“, fauchte Bruno. „Und jetzt runter von dem Rückenteil für die Weste, hopphopp!“
Vera stemmte sich sehr langsam hoch, während Koksi direkt zum Schimpfen überging: „Seit du von Sybille diesen neuen Webstuhl hast, bist du unerträglich. Du alter Wichtigtuer.“ Bruno zog ihn an einer hinteren Tatze vom Webstück runter.
„Wer essen will muss arbeiten, also hoch mit dir, du Flohsack. Ich hab nämlich Hunger, und das hier muss fertig.“
Koksi fügte sich, aber nicht ohne sich vorher noch das Stück Kammzug zu sichern.

„Vera, wer ist der missgelaunte Kerl neben dir?“, fragte Henk, der mit seinen Zähnen eben eine Rouladennadel zu einem Haken gebogen hatte. Ohne weiteren Kommentar trat Koksi ihn direkt gegens Schienbein. Henk zog den Lümmel am Ohr zu sich heran: „Die Laune nicht an anderen auslassen, junger Freund – zumindest nicht an stärkeren Anderen.“ Koksi trat nochmal zu: „Dann soll es sich wenigstens lohnen!“ johlte er, riss sich los und sauste in den Flur.
Vera und Henk horchten.
Sohlen quietschten.
Es schepperte.
„Vermutlich hat Koksi die neue Schleuder gefunden“, mutmaßte Henk und verbog eine weitere Rouladennadel.
Vera nickte: „Ich werde ihm die Bedienungsanleitung vorlegen. Falls er sich was getan hat, tut’s dann gleich nicht mehr so weh.“

Teddyz und Sybille mühten sich derweil in der Küche ab, für gefühlte 348 Bärchen Rosenkohl zu pellen. „Warum sind Bärchen so auf Rosenkohl versessen?“, fragte Sybille. Teddyz ratschte eine Kralle durch den Stiel eines Köhlchens, dann nochmal, und bildete so das Rosenkohl-X. Lässig schnippte er es zu den anderen im Dämpfer.
„Es ist der Name. Rosenkohl = Rosen + Kohl. Wenn es schon Kohl sein muss, dann wenigstens das feinste Kohlgemüse überhaupt. Klingt chic, als könnte man damit auch im Theater angeben.“
Er zog den Hals ein und fuhr mit Fistelstimme fort: „Ach, meine Dame, Frau Geheimrätin, hatten Sie heute schon ein Rosenköhlchen? Hier, probieren Sie meines, ich überlasse es Ihnen bis zum Dritten Akt.“
Etwas zog Sybille am Hosenbein. Es war Koksi: „Was hat Teddyz geraucht? Ich will auch davon haben.“
Sybille angelte sich den Kleinen und hob ihn zu Teddyz auf die Arbeitsplatte. Koksi strampelte, aber nur ein bisschen.
„Rosenkohl!“ jubelte der kleine weiße Bär als er die Szenerie überblicken konnte. Er kletterte ohne weitere Umstände in die Schüssel und suhlte sich im gemüsigen Bälle-Bad. Die Welt hatte ihn wieder.

Henk hielt Bruno die verbogenen Rouladennadeln hin. Der kratzte sich den Schädel.
„Henk, ich weiß nicht, ob wir langsam etwas feiner werden sollten in unserem Design. Die Flausch-Decken sind ja heiß begehrt, und nun noch die Westen, aber … du kennst das ja. Man wird uns nachsagen, wir seien tapsig, wenn wir weiterhin nur fette Kammzüge weben.“
Henk atmete tief durch.
„Ich bin so froh, dass Du das sagst. Hier schau mal, ich habe etwas organsiert: ein Cousin von mir wohnt in der Nähe von Reutlingen und arbeitet als Security-Bär in einer großen Fabrik, und die … (Henk zog einen Metallgegenstand aus seiner unsichtbaren Werkzeugtasche) … die haben das hier entwickelt.“
Bruno starrte das Ding an. Er stupste leicht dagegen. Er griff danach und bog und zerrte an der Metallzunge, die am Ende des Stifts zurückgeschlagen war und in einer Mulde einen Haken bildete.
„Hammer“, kommentierte er anerkennend, „wie fein können wir jetzt werden?“
Henk griff nach Zettel und Stift.
„Die Haken sind murmelmurmel …, mit Halterung dann murmelmurmel, und gegenüber durch zwo murmelachherrje. Also etwa wie beim 50er Gatterkamm. Auf dem Schaft wären das 25 Fäden je Schaft. Bei zwei Schäften.“
Vera beugte sich vor. „Hattest du nicht betont, dass der neue Webstuhl gar keine Schäfte hat?“, fragte sie. Henk nickte. „Ja, aber die Leute orientieren sich auch bei Neuem gern an den alten Dingen. Warum also nicht die Maße übernehmen? Es ist nicht viel mehr Rechnerei als sonst, und jeder weiß was gemeint ist: 50 Fäden auf 10 Zentimeter. Nur eben nicht in Litzen, sondern in Haken. Damit man die Kettfäden auch überkreuzen kann oder wie hier Kammzug weben, ohne abzusetzen. Außerdem kann man so am Rand oder mittendrin Kettfäden dazugeben oder wegnehmen, das siehst du an diesem Rückenstück: da braucht nichts mehr weggeschnitten zu werden.“
Koksi drängelte sich dazwischen.
„Was soll der Piker da?“
Bruno reichte ihm den Haken. „Dieser Piker ermöglicht, dass wir auch ganz feines Gewebe herstellen können, nicht nur so fluffiges wie dieses Rückenteil.“
„Erst will ich mein Woll-Iglu.“
„Ja, Koksi“, versprach Bruno, „den sollst du haben. Es ist ja nur für später, wenn wir den V-Loom weiterentwickeln.“