
„Bruno, du lebst in einem Knast mit avantgardistischen Gitterstäben“, brummte Henk in sein Kleingebäck. Ein Huschen im Schatten ließ ihn jäh erschrecken.
„Meine Güte Henk! Zwei Kekse gleichzeitig?“ Vera zog anerkennend eine Schnute. Wie üblich hatte sie sich in Zeitlupe angeschlichen – sie liebte den Überraschungseffekt auf ihre Gesprächsbeute.
„Ja, ich fürchte mich so“, antwortet Henk mit dem niedlichsten Augenaufschlag seit Teddygedenken.
„Was ist das wieder für ein Unfug?“ Vera nahm sich rasch auch einen Keks.
Henk deutete zum Kronleuchter (den spiddeligen Spinnwebenleuchter, wie Koksi das hässliche Drahtgeflecht gern beschimpfte).
Vera neigte den Kopf und bestaunte Bruno, der es sich da oben mit etwas Proviant gemütlich gemacht hatte. „Was machst Du da?“, fragte sie.
Bruno, der in Rückenlage wie paralysiert Muster in der Rauhfaser gesucht hatte, rollte sich auf den Bauch und winkte Vera matt zu. Seufzend proklamierte er: „Ich habe Angst, den Boden unter den Füßen zu verlieren!“
Vera nickte ihm zu. „Das verstehe ich. Und warum die Sache mit dem Kronleuchter?“
Bruno atmete tief durch: „Kennst du Ronja Räubertochter? Sybille hat es mal vorgelesen, und da sagt sie, wenn man Angst vor etwas hat, muss man es üben.“
„Klingt wagemutig und nicht ganz zu Ende gedacht“, kommentierte Teddyz der eben dazugekommen war und neben Henk auf dem Stuhl Platz nahm, „was ist denn mit der Angst, im Schlaf vom Baum zu fallen und in einem frischen Kuhfladen zu landen?“
Bruno drehte sich wieder in Rückenlage. „Das ist etwas für eine völlig normale Risiko-Analyse mit gewichteten Kriterien und Abstraktion hin zur Nutzenvaluierung differenzierter Einflussgrößen und situativen Partizipanten.“
Koksi, der eben im Begriff war, sich von hinten an Henk anzuschleichen, um wenigstens den einzigen verbleibenden Keks zu ergattern, kniff die Augen zu und schüttelte den Kopf, als wolle er das Gehörte aus den Ohren schütteln: „Was faselt er da?“
Vera warf ihm ihren Keks zu und machte auf Erklärbär: „Wenn durch die anschließende Verteilung des Kuhfladens auf dem Boden eine seltene Pflanze gedüngt wird, die es sonst nicht geschafft hätte, müssten wir den Gestank von Bruno, wenn er voller Kuhkaka ins Bad marschiert, fröhlich ignorieren.“
„Das ist ja toll, wenn das so einfach geht!“ rief Koksi und wollte sofort rausrennen, als Henk ihn am Schal festhielt. „Du wirst jetzt keine Kuhfladen suchen gehen, kleiner Freund.“
Koksi setzte sich und starrte abwechselnd Bruno und den Keks in seiner Pfote an. „Worum ging es nochmal? Was ist mit Brunos Füßen?“
Henk rülpste kurz und antwortete: „Bruno hat seinen inneren Anker verbummelt. Weil er so geistig ist, hat er jetzt Schiss davor, abzuheben.“
„Ich bin nicht geistig, er kann meinen haben“, bot Koksi an, schaute hoch und rief: „Bruno, möchtest du meinen Anker? Ich brauch ihn gerade nicht, glaub ich!“
„Bloß nicht“, brummte es vom Kronleuchter, aber so leise, dass niemand reagieren musste.
Koksi wandte sich Teddyz zu: „Teddyz, wie verbummelt man seinen Anker? Wieso geht das überhaupt?“ Er tippte dem großen Altbären ans Knie.
„Wissenschaftlich oder philosophisch gesehen?“ Teddyz zog Koksi auf den Schoß.
„Erkenntnis ist irgendwo dazwischen, versuch’s damit“, schlug der kleine Eisbär vor.
„Bruno denkt, und du fühlst. Von beidem gibt es ein Zuwenig und ein Zuviel. Außerdem möchte man, dass man auch gebraucht wird. Wenn Bruno niemanden zum Diskutieren hat, wird er schrullig, und wenn du keinen zum Liebhaben hast, gehst du ein wie eine Primel. Oder ihr bekommt zuviel davon, dann braucht ihr Winterschlaf. Und Anker sind dazu da, dass man sich erinnert, was zuviel ist, und was zu wenig. Deswegen kann Bruno mit deinem Anker auch nichts anfangen.“
Von oben grunzte es zustimmend.
Koksi kletterte an Teddyz hoch und winkte Bruno zu.
„Und wo kriegt Bruno jetzt einen neuen Anker her?“, bohrte Vera nach, „Den gibt’s ja nicht für 3-fuffzig im Supermarkt.“
Teddyz schüttelte bedächtig den Kopf: „Man kann nur seinen eigenen wiederfinden, und nicht einen neuen kaufen. Manche versuchen das, Autos, Häuser, Golfschläger -„
„Schuhe?“ warf Vera ein.
„Ja, oder Schuhe. Sie symbolisieren einen sicheren Gang und persönliches Fortkommen.“
„Deswegen kann man Freunde nicht kaufen“ erklärte Henk, pflückte Koksi von Teddyz‘ Kopf und schulterte ihn, und mit schweigendem Gepäck wanderte er in den Garten. Am Teich blieben sie stehen und starrten eine Weile auf das Wasser.
„Glück ist, wenn man Freunde hat, die einem den Anker wiederbringen“, sinnierte Koksi.
Henk setzte ihn ab. „Oder, wenn man sich selbst schon mal Freund ist, das hilft auch.“
„Und wenn man Beides gerade nicht hat, hilft es, einen Teddy zu haben, und deswegen sind wir wichtig für die Menschenkinder?“
Der starke Kampfbär Henk, der zu viel Leid hatte begleiten müssen, schnaufte durch.
Koksi schaute zu ihm hoch: „Was?“
„Manche nutzen das aus“, knurrte Henk.
„Nein! Wer tut denn so was? Henk, sag mir sofort, wer das war, und ich geh hin und hau ihm aufs Maul!“
Henk grinste. „Zu spät. Schon passiert.“
„Gut. Oh, schau mal, hier ist noch ein Gänseblümchen!“
Der Eisbär rupfte den Stengel aus der Erde und sauste zurück ins Haus. Mit quietschenden Pfoten kam er auf dem Boden unter Brunos Ausguck zum Stehen, kraxelte den Stuhl empor, und gleich noch über Teddyz hinauf Bruno entgegen.
„Bruno, du willst ja meinen Anker nicht, aber ich habe hier ein Gänseblümchen! Du hast doch letztens gesagt, wie schade, es gibt keine Gänseblümchen mehr! Ich stell es gleich in eine Vase, und dann kannst du es von da oben anschauen!“

Später am Abend, vor dem flackernden Feuer im Ofen, lehnte Bruno sich etwas mehr an Koksi als sonst üblich.
„Ich überlege“, murmelte er, „ob du mir deinen Anker nicht doch ein klein wenig ausgeborgt hast. Um meinen eigenen wiederzufinden. Weißt du, wie ich meine?“
„Ja, wie bei einer Pumpe, wo man erst Wasser reingießen muss, um welches hochpumpen zu können, wenn nur Luft kommt.“
„Ja, du bist mein Reserve-Eimer.“
„Das hast du schön gesagt“, seufzte Koksi.
Briefe von Euch, danke!